“Spiegel” rät von Lymphknotenentfernung ab…

Beim Friseur lag heute ein „Spiegel“ von vor ein paar Wochen rum. Dort wurde wieder einmal eine Krebs-Sau durchs Dorf gejagt, man kann es nicht anders sagen. Ich hab mir die Ausgabe leider nicht gemerkt, aber es ging darum, dass Tumorchirurgen bei der Operation von Krebspatienten zu oft Lymphknoten entfernen, ohne dass es dafür eine wissenschaftliche Grundlage gebe.

Die Daten lieferte – wie bei anderen katastrophal einseitigen Spiegel-Stories über Krebs – das Münchener Tumorregister. Tenor: Dass eine radikale Lymphknotenentfernung bei der Operation solider Tumoren Sinn mache, gäben die Registerdaten nicht her. Dazu ließ sich, ebenfalls wie gehabt, der Biologe Professor Dieter Hölzel zitieren, beim Tumorregister zuständig für Wissenschaft und EDV. Er vertrat die These, dass es keinen Beleg für eine Metastasierung von Tumoren auf dem Lymphwege über die erste Lymphknotenstation hinaus gebe und dass es deswegen auch keinen Sinn mache, sie zu entfernen.

Dass es für die Tumorchirurgie an randomisierten kontrollierten Studien mangelt, ist kein Geheimnis. Die Frage ist, was man aus dieser Erkenntnis macht. Was Tumorregister wie das in München liefern, sind Registerdaten und nichts sonst. Epidemiologische Studien dienen im Zusammenhang mit der Wirksamkeit oder Nicht-Wirksamkeit von Therapien der Generierung von Hypothesen. Punkt. Die Hypothese wäre also in diesem Fall: Radikale Lymphadenektomien bei soliden Tumoren bringen nichts.

Was den Spiegel-Beitrag so problematisch macht, ist, dass – wie üblich, muss man sagen – mehrere Zwischenschritte übersprungen werden und die gefährliche These verbreitet wird, die Lymphknotenchiruergie sei pauschal sinnlos. Epidemiologische Daten erlauben diesen Rückschluss leider überhaupt nicht. Hohe Folsäurespiegel im Blut korrelieren statistisch eindeutig mit weniger kardiovaskulären Ereignissen. Trotzdem bringt die Folsäure-Supplementation nachgewiesenermaßen gar nichts. Soll heißen: Bevor aus der Epidemiologie irgendwelche therapeutischen Konsequenzen gezogen werden, müssen die Thesen prospektiv überprüft werden.

Der Spiegel-Autor gibt das auch irgendwo zwischen den Zeilen versteckt zu, indem er schreibt, beim Brustkrebs gehe man inzwischen in Sachen Lymphknotenentfernung selektiver vor. Das stimmt, aber die Grundlage dafür waren klinische Studien, nicht Tumorregister. Statt sich jetzt differenziert mit den auch bei einigen anderen Tumorentitäten existierenden prospektiven Daten auseinanderzusetzen und ein wenig nach Patientencharakteristika zu differenzieren, wird lieber latent suggeriert, alle Tumorchirurgen seien nicht auf der Höhe der Zeit und verstümmelten ihre Patienten.

Die eine Frage, die ich dem Autor oder auch Herrn Hölzel gerne stellen würde, ist die: Würden Sie aufgrund von Registerdaten und pathobiologischen Überlegungen Stand heute ernsthaft von einer Lymphknotenentfernung abraten, wenn Ihre Lebensgefährtin ein entsprechendes Malignom hätte? Mit Ausnahme jener Indikationen, für die prospektive Daten vorliegen – Stichwort Brustkrebs – dürfte die Antwort mit gutem Grund „nein“ lauten. Und weil das so ist, darf ein Artikel über dieses Thema nicht so klingen, wie der Spiegel-Artikel klingt, will man nicht unbedarftere Menschen in die Arme von wesentlich problematischeren Tumorheilern treiben. Verantwortungsvoller Journalismus ist etwas anderes.

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