Film-Theater live on stage

Die Schaubühne hat seit September 2010 eine Interpretation des Fräulein Julie von August Strindberg im Programm, die jetzt wieder ein paar Mal gespielt wird und die das Beziehungsdrama aus der Perspektive der Köchin Kristin erzählt. Kristin ist die Verlobte des Dieners Jean, der sich eines Nachts quasi unter den Augen seiner Angetrauten  von der Tochter des Hauses, der 25jährigen Fräulein Julie, verführen lässt.

Das Ganze endet zwangsläufig im Desaster, aber darum soll es hier nicht gehen. Das Stück ist deswegen faszinierend, weil die (mit Shakespeare-Interpretationen an der Royal Shakespeare Company bekannt gewordene) Katie Mitchell zusammen mit dem Videokünstler Leo Warner die Perspektive der Kristin mit Hilfe von mehreren Videokameras einnimmt, die die Verführungsszenen und alles, was sonst noch so passiert, live auf der Bühne aufzeichnen. Der Film wird oberhalb der Bühne auf eine Leinwand projeziert und zu allem Überfluss von zwei “Musikern”, die an einem großen, spärlich beleuchteten Tisch am Rande der Bühne stehen, ebenfalls live vertont.

Höchst beeindruckend ist, dass der ganze Aufwand mit den Kameras (auch dank guter Beleuchtung) in einer Weise nebenbei abläuft, dass es fast überhaupt nicht stört, auch wenn die Kameraleute natürlich ständig ihre Positionen wechseln und über oder unter Kabeln entlang steigen müssen. Der vor den Augen des Zuschauers entstehende Film ist qualitativ dermaßen gut, dass die ganze Aufführung nichts, aber auch gar nichts, Improvisiertes hat. Das Beste von Kino und Theater kommt zusammen auf die Bühne, und das funktioniert selten. In einer kleinen Kammer der auf der Bühne aufgebauten Wohnung begleitet ein Cello-Spieler das ganze Drama auch noch musikalisch. Es geht wirklich unter die Haut.

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